Ein Aufenthalt in einem Ort wie Mariánské Lázně wäre unvollständig ohne nicht wenigstens einmal gebadet oder etwas Wellness gemacht zu haben. Aus diesem Grund wollten wir eigentlich vor der Abreise noch ein sogenannte „Prozedur“ über uns ergehen lassen. Das ist im Spa-Fachjargon der Sammelbegriff für Massagen, Heilbäder, Wickel und ähnlichem. Wir räumten zuerst das Hostel, brachten unsere Rucksäcke zum Bahnhof und fuhren mit dem Trolleybus (der teilweise keine Oberleitung hat und deswegen mit dem Dieselgenerator fährt) zurück in die Stadt. Zuerst wollten wir frühstücken gehen und ich hatte tags davor ein Strassen-Café gesehen, das Frühstück anbietet. Miri sagte, ich solle das vergessen, die Tschechen würden um 11 Uhr kein Frühstück mehr essen sondern eher Mittagessen und ich würde ausgelacht. So war es dann aber zum Glück nicht und wir bekamen ein feines Frühstück und bezahlten weniger dafür als damals für die Schinkenbrote in Mělnik. Dann gingen wir zur Spa-Infozentrale die sich gleich beim singenden Brunnen befindet, liessen uns beraten und buchten im Hotel Pacifik ein. Es war etwa 12:20 und wir hatten um 13:00 eingebucht- also 40 Minuten zu überbrücken. Wir setzten uns an der Kolonade auf eine Bank. Miri wollte noch ein paar Fotos machen, ging von mir weg und ich blieb noch ein paar Minuten sitzen und sah sie dann etwa 100m weiter vorne neben dem singenden Brunnen. Ich stand auf und näherte mich ihr in einem weiten Bogen – ich wollte sie überraschen und von hinten halten. Als ich etwa 10m von ihr weg war drehte sie sich plötzlich um und sah mich. Ich sagte ihr, ich hätte sie überraschen wollen, sie lachte, wir umarmten uns, liessen uns wieder los als plötzlich ein kleines Mädchen, etwa 5 Jahre alt zu uns kam. Sie stand neben uns, schaute uns an, berührte uns, sagte aber kein Wort. Ich kapierte nicht was passierte, schaute mich um, schaute das Mädchen wieder an, das mit fröhlichem Gesicht dastand, die Arme weit offen, berührte es uns. Ich dachte an einen Trick, schaute mich um, suchte die Mutter, die nach Geld bettelt, konnte aber nur eine Mutter erkennen, die etwa 5m entfernt stand, nicht bettelte, ausserdem blonde Haare hatte und helle Haut. Ich kapierte noch immer nicht was das sollte; das Mädchen berührte mich an der Beintasche, dann nahm ihre Mutter sie bei der Hand und sie gingen weiter. Wir beobachteten die Zwei, das Mädchen ging nun geradewegs auf einen älteren Mann mit einem grossen Fotoapparat zu und hielt ihn am Bein. Seine Mutter zog es zurück. Es wollte wieder zu dem Mann. Die Mutter zog es zurück. Allmählich verstanden wir es. Es war nicht die übliche Bettel-Masche. Es war nur ein Mädchen, das wohl geistig behindert war mit seiner Mutter. Leider hatte uns seine Mutter nicht gesagt, was mit dem Kind los ist sondern stand wortlos daneben. Mir tat mein Verhalten leid. Ich hätte dem Mädchen so gerne ein Lachen zurückgegeben. Stattdessen war ich misstrauisch, fast argwöhnisch... Miri und ich sprachen noch eine Weile darüber. Es hätte nicht so sein sollen...
Dann wurde 13 Uhr und wir fanden uns zum wellnessen im Hotel Pacifik ein. Es war genial, wir hatten die Anlage fast für uns allein. Nach zwei Stunden intensivem wellnessen waren wir dann bestens gerüstet für unsere Weiterreise nach Plzeň (Pilsen). Wir fuhren wie immer mit dem Zug, mit einer kleinen Ausnahme: Unterwegs war auf etwa 25km Länge eine Baustelle. Die EU erneuert dort die Trasse von Strasse und Schiene und lässt sich das auch was kosten – 2.5 Milliarden Kronen (etwas mehr als 100 Millionen Franken). Deshalb mussten wir in Planá in den Bus umsteigen und in Stříbro (sprich Strschiibro) wieder in den Zug. Das ging aber ziemlich unkompliziert. Auch das Wetter war an diesem Tag sehr schön- jedoch windig. Das sei jedoch normal, es sei ja jetzt Herbst, meinte Miri. In Plzeň angekommen, machten wir uns auf die Suche nach dem Zeltplatz. Ja richtig, wir wollten es wieder einmal mit zelten probieren. Den Zeltplatz fanden wir ziemlich einfach und er war wunderschön gelegen, am Wald und einem See. Und wir waren nicht einmal die einzigen. Wir bauten das Zelt auf und wollten aber noch etwas essen gehen. Da es mittlerweile schon fast dunkel war, beschlossen wir in die kleine Kneipe auf dem Zeltplatz zu gehen. Dort gab es jedoch nichts schlaues zu essen und somit gingen wir, motiviert von einem Schild beim Eingang des Zeltplatzes mit der Aufschrift: „Pizzeria Pulcinella, 800m“ aus dem Zeltplatz-Gelände raus und gingen einer unbeleuchteten Strasse nach. Nach etwa 1km kamen wir zu einer Kreuzung. Wir wussten zwar ungefähr wo wir waren, wussten aber nicht, wo es ein Restaurant gibt. Am Strassenrand war ein Mann daran, seinen Gartenzaun anzustreichen. Miri ging zu ihm hin und frage, ob er ein Restaurant in der Nähe wüsste. Ein paar Jäääh's und Joooh's später machten wir und dann auf den vermeintlichen Glücksweg. Leider erwies sich das Restaurant als Bierkneipe, wo es ausser Bier und einigen Bier-Snacks nichts wirkliches zu essen gab (oder alles andere auf der Karte ausverkauft war). Miri hatte die Nase voll und wollte auf den Zeltplatz zurück, ich wollte aber nicht aufgeben, wissend wie sehr sie sich etwas zu essen wünschen würde und so nahmen wir das Tram zwei Haltestellen wo wir die Pizzeria wussten. In dieser Pizzeria wurden wir dann auch „fündig“ und es gab für jeden von uns eine halbe Pizza zum Znacht. Der Rückweg war dann wesentlich einfacher. Wir gingen zu Fuss über die Strasse, auf der wir am Tag mit dem Bus kamen, die etwas durch den Wald führte und ich erzählte Miri die Geschichte vom legendären Kasperli-Theater, das uns meine Mutter eines Nachmittags in der Stube des Hauses am „Langhanser-Gässli“ vorspielte. Es war sehr kalt geworden – 4°C sollten es laut Wetterbericht werden – und es wurde auch. Allerdings hört sich der Wert kälter an, als es wirklich war...
Hallo Zusammen! Lese eure Reiseberichte sehr gerne. Es ist spannend, was Ihr so erlebt auf eurer Reise. Die Geschichte mit dem Mädchen ist sehr traurig, aber ich kann eure Reaktion sehr gut verstehen. Leider muss man heute sehr vorsichtig sein, was wiederum solche Situation so schwierig macht. Gute Reise. Lg Jael
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